Bonhoeffer und das Gewissen

Für eine Hausarbeit beschäftige ich mich gerade mit der Beteiligung Bonhoeffers am Widerstand bzw. an der Verschwörung gegen die NS-Diktatur und Adolf Hitler.

Bonhoeffer schreibt dazu in seiner Ethik etwas über das Gewissen und die Notwendigkeit im Zuge verantwortlichen Handelns auch Schuld auf sich zu nehmen.  Dies wird einer der grundlegenden Gedanken für ihn gewesen sein, sich aktiv an der Verschwörung auf Adolf Hilter zu beteiligen und dafür die gerechte Schuld auf sich zu nehmen. Wahrscheinlich ist gerade aus diesen Gründen auch nicht nach seiner Gefangennahme geflohen, obwohl es dafür eine gute Gelegenheit dafür gab, da er sich dadurch seiner Schuld entziehen würde.

 

Wo Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, zum Einheitspunkt meiner Existenz geworden ist, dort bleibt zwar das Gewissen – formal – immer noch der Ruf aus meinem eigentlichen Sein zur Einheit mit mir selbst; diese Einheit kann aber nicht mehr verwirklicht werden in der Rückkehr zu meiner aus dem Gesetz lebenden Autonomie, sondern in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Das natürliche – und sei es das rigoroseste – Gewissen erweist sich nun als die gottloseste Selbstrechtfertigung, es wird überwunden durch das in Jesus Christus befreite Gewissen, das zur Einheit mit mir selbst in  Jesus Christus ruft. Jesus Christus ist mein Gewissen geworden. Das bedeutet, daß ich die Einheit mir mir selbst nur noch in der Hingabe meines Ich an Gott und die Menschen finden kann. Nicht ein Gesetz, sondern der lebendige Gott und der lebendige Mensch, wie er mir in Jesus Christus begegnet, ist Ursprung und Ziel meines Gewissens. Um Gottes und der Menschen willen wurde Jesus zum Durchbrecher des Gesetzes: er brach das Sabbathgesetz um es in der Liebe zu Gott und Mensch zu heiligen; er verließ seine Eltern um im Hause seines Vaters zu sein und so den Gehorsam gegen die Eltern zu reinigen; er aß mit Sündern und Verworfenen, er geriet aus Liebe zu den Menschen in die Gottverlassenheit seiner letzten Stunde. […] So ist Jesus Christus der Befreier des Gewissens zum Dienst Gottes und des Nächsten, der Befreier des Gewissens auch und gerade dort, wo der Mensch in die Gemeinschaft der menschlichen Schuld eintritt. Das vom Gesetz befreite Gewissen wird das Eintreten in fremde Schuld um des anderen Menschen willen nicht scheuen, es wird sich vielmehr gerade so in seiner Reinheit erweisen. Das befreite Gewissen ist nicht ängstlich, wie das an das Gesetz gebundene, sondern weit geöffnet für den Nächsten und seiner konkrete Not. So einigt es sich mit der in Christus begründeten Verantwortung um des Nächsten willen Schuld zu tragen. […] Die Weigerung also Schuld zu tragen aus Nächstenliebe, setzt mich in Widerspruch zu meiner in der Wirklichkeit begründeten Verantwortung. 

[…]
Aber weil das Gesetz nicht mehr das Letzte ist, sondern Jesus Christus, darum muß in der Auseinandersetzung zwischen Gewissen und konkreter Verantwortung die freie Entscheidung für Christus fallen. Das bedeutet nicht einen ewigen Konflikt, sondern die Gewinnung der letzten Einheit; denn der Grund, Wesen und Ziel der konkreten Verantwortung ist ja derselbe Jesus Christus, der der Herr des Gewissens ist. So wird die Verantwortung durch das Gewissen gebunden, aber das Gewissen durch die Verantwortung frei. […] Wer in Verantwortung Schuld auf sich nimmt – und kein Verantwortlicher kann dem entgehen – der rechnet sich selbst und keinem anderen diese Schuld zu und steht für sie ein, verantwortet sie. Er tut es nicht in dem frevelnden Übermut seiner Macht, sondern in der Erkenntnis zu dieser Freiheit-  genötigt und in ihr auf Gnade angewiesen zu sein. Vor den anderen Menschen rechtfertigt den Mann der freien Verantwortung die Not, vor sich selbst spricht ihn sein Gewissen frei, aber vor Gott hofft er allein auf Gnade.
Bonhoeffer, 2006, Bd. 4. S.  158ff.

Volf / Von der Ausgrenzung zur Umarmung #3 // Kain und Abel

Volf beschreibt die Geschichte von Kain und Abel als ein Paradebeispiel für den Verlauf von Ausgrenzung und Gewalt.

Die Ausgangslage in der Geschichte besteht aus einer Ungleichheit zwischen diesen Brüdern. Gleich sind sie in der Weise, dass sie Brüder sind, die gleichen Eltern haben und respektablen Tätigkeiten nachgehen. Ihr Anfang und die die darauffolgende Lebenslage ist aber unterschiedlich.

Bei Kains Geburt begrüßt die Mutter den Sohn „mit einem stolzen und und freudigem Aufschrei: „Ich habe einen Mann geboren mit der Hilfe des Herrn!“ (V.1), und ihren Jubel hält sie im Namen des Erstgeborenen fest: Kain, der Ehrennname, der „schaffen“, „hervorbringen“ bedeutet; die Geburt des zweiten war dann der Lauf der Dinge und er erhielt einen Namen, dessen Bedeutung ihn als minderwertig ausweist: Abel, „Hauch“ , „Dampf“, „pure Vergänglichkeit“, „Wertlosigkeit“ oder „Nichtigkeit“.

Ein weiterer Unterschied, der dann anschließend den Verlauf der Geschichte entscheidend beeinflusst, ist ihr Opfer. Man kann nur darüber spekulieren ob die beiden Brüder gleichmäßig vermögend waren (Volf beschreibt in Anlehnung an Prof. Hartmut Gese, dass Kain ein Großgrundbesitzer war, Abel hingegen ein armer Mann gewesen ist, was meiner Ansicht nach aber der Text nicht hergibt), jedoch ist ihr Opfer unterschiedlich.
Kain opfert Früchte, die grundsätzlich angemessen und gut waren, bei Abel wird aber deutlich gesagt, dass er die „fetten Stücke“ des Tieres und damit die besten Teile opfert. „Vor Gott hätten beide ohne Probleme gleichwertig sein können, Gottes Achtung vor dem einen schließt die Achtung des anderen keinesfalls aus. Doch ausgerechnet da tritt die tiefste Ungleichheit zwischen beiden hervor. Gottes Anerkennen dieser Ungleichheit kehrt die „Ordnung der Ungleichheiten“ zwischen Kain und Abel um, die Eva und Kain aufgerichtet hatten: Abel (und nicht nur sein Opfer) wurden von Gott anerkannt, Kain nicht: Kains Reaktion auf diese göttliche Umkehrung macht den Kern der Geschichte aus.“

In diesem Moment beginnt die Kette der Exklusion und zwar mit der Wut von Kain (V.6).  „Kain wurde mit Gottes Maßstab dafür konfrontiert, was wirklich zählt und was wahrhaft groß ist. Da er den Maßstab nicht ändern konnte und sich weigerte, sich selbst zu ändern, schloss er sowohl Gott als aus Abel aus seinem Leben aus.“

Kain senkt sein Angesicht in seinem Zorn und verweigert die Begegnung Gottes und ist taub für Gottes Warnung. Mit der Aufforderung an Abel, hinauf aufs Feld zu gehen, entzieht er sich ebenfalls der möglichen Beurteilung und Korrektur der Gemeinschaft und bringt Abel anschließend um.

Volf beschreibt die Tat Kains mit drei Annahmen:

1. „Wenn Abel der ist, der Gott sagt, dass er ist, dann bin ich nicht der, als der ich mich selbst verstehe.“

2. „Ich bin der, als der ich mich selbst verstehe“

3. „Ich kann Gottes Aussage über Abel nicht ändern.“

Schlussfolgerung: „Daher darf Abel nicht mehr sein“.

Kains Identität war im Blick auf Abel konstruiert; er war groß im Vergleich zu Abels „Nichtssein“. Als Gott erklärte, Abel sei „besser“, musste Kain entweder seine Identität radikal anpassen oder Abel aus dem Weg räumen.

 

Volf – Von der Ausgrenzung zur Umarmung // Buchzitate #2

Den Hang zur Ausgrenzung haben Menschen durch das Formen und Verneinen von Identitäten.

Das Formen und Verneinen von Identitäten erfolgt immer durch Grenzziehungen, die das Selbst vom anderen unterscheidbar abheben. (:112)

Das ist erstmal die Grundlage für die weitere Entwicklung der eigenen Identität. Dabei wird die Ausgrenzung und damit die Gewalt dadurch verstärkt, dass ich den anderen brauche um mich selbst überhaupt zu identifizieren.

Ich bin wer ich bin im Verhältnis zu anderen. Kroate zu sein bedeutet unter anderem, Serben als Nachbarn zu habe; weiß zu sein in den USA bedeutet, in eine ganze Geschichte von Beziehungen zu Afroamerikanern hineingeraten zu sein[…]Der andere muss ein Teil von mir sein dürfen, wenn ich ich selbst sein will.  Das führt dazu, dass die Spannung zwischen dem Selbst und dem anderen in den Wunsch nach Identität eingebaut ist. Der andere, gegenüber dem ich mich behaupten muss, ist derselbe andere, der ein Teil von mir bleiben muss, wenn ich ich selbst sein will.  […] Anstatt mich selbst umzustellen, um den anderen seinen Raum zu geben, versuche ich den anderen zu dem Menschen hinzubiegen, den ich gern hätte, damit ich ihm Verhältnis zu ihm der sein kann, der ich sein will.

Die Trennung, die nötig ist, um eine dynamische Identität des Selbst im Blick auf andere zu begründen und aufrechtzuerhalten, rutscht uns in die Exklusion ab, die Identität auf Kosten des anderen bestätigen möchte. Die Macht der Sünde von außen – das System der Exklusion – gedeiht sowohl aus der Macht als auch der Ohnmacht von innen, der unwiderstehlichen Macht des Willens, man selbst zu sein, und der Ohnmacht, sich gegen das Abrutschen in den Ausschluss des anderen zu wehren. (:113)

Die Identität in Christus hilft dieser Ohnmacht und dem Hang zu Ausgrenzung ab:

Der Geist dringt in die Bastion des Selbst ein, dezentriert das Selbst, in dem er es in das Bild des sich selbst gebenden Christus umgestaltet, und befreit seinen Willen dazu, dass es der Macht der Exklusion in der Kraft des Geistes der Umarmung widerstehen kann. In dieser Bastion des zerbrechlichen Selbst wird die neue Welt der Umarmung erstmals geschaffen (2. Korinther 5,17). Durch diese scheinbare ohnmächtige Macht des Geistes – des Geistes, der sogar außerhalb von Kirchenmauern weht – wird das Selbst von seiner Machtlosigkeit befreit um das System der Exklusion überall zu bekämpfen – in den Strukturen, der Kultur und in sich selbst.

Zitat: Miroslav Volf – Gott und das Böse – Gott hilft

Ich habe eben in dem Buch „Geben und Vergeben in einer gnadenlosen Welt“ von Miroslav Volf das hier gelesen:

 

Ist das Böse, ob nun durch Menschen oder Naturkräfte verursacht, eine Gabe Gottes? nein. Das Böse ist einfach da, und wir können es nicht erklären. Gott hat es nicht erschaffen. Es ist eine Verzerrung von Gottes Schöpfung, eine Verneinung ihres ursprünglichen Gutseins und daher ein Frontalangriff auf Gott.
Am Ende der Zeiten wird Gott es endgültig und total besiegen. Bereits jetzt ist er dabei, es zu bekämpfen, So wie Gott auf geheimnisvolle Weise in dem Gekreuzigten war, ist er mitten in dem Leiden der Menschen, hört jeden Seufzer, zählt jede Träne, spürt das Zittern jedes angsterfüllten Herzens. Und so wie Gott in dem Auferstandenen war, ist er in jeder helfenden Hand, in jedem Akt der Selbstaufopferung, in jedem Leben, das jemand für einen anderen lässt, und gelegentlich heilt und schützt er sogar ohne menschliches Mitwirken. Gott leidet und Gott hilft.